07029 Risikoprüfung Biodiversität
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Der Verlust der biologischen Vielfalt stellt Unternehmen vor immense Herausforderungen: von der Verknappung natürlicher Ressourcen über regulatorische Anforderungen bis hin zu Reputationsrisiken. Dieser Artikel beleuchtet, warum Biodiversität für Unternehmen essenziell ist, welche Risiken durch den Rückgang der Artenvielfalt entstehen und wie Unternehmen ihre Abhängigkeiten und Auswirkungen analysieren können. Er bietet praxisnahe Ansätze, wie Unternehmen Biodiversitätsmanagement in ihre Strategien integrieren, Risiken minimieren und Chancen nutzen können. Mit vielen Hinweisen auf konkrete Tools, Initiativen und Leitfäden unterstützt der Beitrag Fachverantwortliche dabei, die doppelte Wesentlichkeit zu bewerten und nachhaltige Maßnahmen für den Erhalt der Biodiversität umzusetzen. von: |
Schnelleinstieg ins Thema: Drei wichtige Fragen, auf die dieser Beitrag eine Antwort gibt
Frage 1: Warum ist Biodiversität für Unternehmen so wichtig?
Antwort: Biodiversität ist die Grundlage für fruchtbare Böden, sauberes Wasser, Bestäubung und Klimaregulation – essenzielle Ökosystemleistungen, von denen alle Unternehmen direkt oder indirekt abhängig sind. Laut einer Studie des World Economic Forum hängen mehr als 50 % des weltweiten BIP von der Natur ab. | |
Weitere Informationen dazu siehe Abschnitt 1 und 1.2. |
Frage 2: Welche Risiken entstehen für Unternehmen durch den Verlust der Biodiversität?
Antwort: Unternehmen sind vielfältigen Risiken ausgesetzt, darunter physische Risiken wie Rohstoffknappheit, regulatorische Vorgaben, Reputationsverluste und finanzielle Einbußen. Besonders betroffen sind Branchen, die natürliche Ressourcen intensiv nutzen, wie die Lebensmittel- oder Holzindustrie. | |
Weitere Informationen dazu siehe Abschnitt 1.2. |
Frage 3: Wie können Unternehmen ihre Auswirkungen auf die Biodiversität messen und steuern?
Antwort: Unternehmen sollten eine Doppelte Wesentlichkeitsanalyse durchführen, um ihre Abhängigkeiten und Auswirkungen auf die Biodiversität zu bewerten. Tools wie der WWF Biodiversity Risk Filter oder ENCORE helfen, Risiken zu identifizieren und den Handlungsbedarf zu priorisieren. Wichtig ist, dass Unternehmen konkrete Ziele setzen und Maßnahmen umsetzen, um negative Auswirkungen zu vermeiden oder zu minimieren. | |
Weitere Informationen dazu siehe Abschnitt 3. |
1 Warum ist Biodiversität wichtig – und ein Risiko?
Biodiversität umfasst die gesamte Vielfalt des Lebens auf unserer Erde – in den Genen, den Arten und den Ökosystemen. Vielfältige Ökosysteme – tropischer Regenwald, Steppen, Flüsse, Gebirge, Ozeane etc. – bieten den Lebensraum für die Artenvielfalt. Und sie werden wiederum von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen beeinflusst. Zur biologischen Vielfalt gehört auch die genetische Vielfalt innerhalb einer Art, z. B. die unzähligen Apfelsorten oder die vielen Wildformen des Weizens.
Viele der Lebensformen, die die Erde besiedeln, können wir nicht sehen oder wir kennen sie nicht. Weltweit sind ca. 1,8 Millionen Tier- und Pflanzenarten wissenschaftlich beschrieben. Forscher schätzen, dass es rund 9 Millionen Arten gibt, die wiederum auf trillionenfache Weise untereinander in Beziehung stehen – ein unsichtbares Netz, das unseren Planeten trägt und unsere Lebensgrundlage ist.
Ökosystemleistungen essenziell für weltweite Wertschöpfung
Seit einigen Jahren rückt die Bedeutung der Ökosystemleistungen in den Mittelpunkt: fruchtbare Böden, sauberes Wasser, Bestäubung, Klimaregulation und Anpassung an den Klimawandel all diese Leistungen brauchen wir zum Überleben und sind auch für unsere wirtschaftlichen Aktivitäten essenziell. Zunehmend können diese Ökosystemleistungen auch monetarisiert werden. Laut einer Studie des World Economic Forum im Jahr 2023 hängen 44 Billionen US-Dollar der weltweiten Wertschöpfung – mehr als die Hälfte des globalen BIP – in hohem oder sehr hohem Maße von der Natur ab.
Seit einigen Jahren rückt die Bedeutung der Ökosystemleistungen in den Mittelpunkt: fruchtbare Böden, sauberes Wasser, Bestäubung, Klimaregulation und Anpassung an den Klimawandel all diese Leistungen brauchen wir zum Überleben und sind auch für unsere wirtschaftlichen Aktivitäten essenziell. Zunehmend können diese Ökosystemleistungen auch monetarisiert werden. Laut einer Studie des World Economic Forum im Jahr 2023 hängen 44 Billionen US-Dollar der weltweiten Wertschöpfung – mehr als die Hälfte des globalen BIP – in hohem oder sehr hohem Maße von der Natur ab.
1.1 Dramatischer Verlust an Biodiversität
Seit Jahrzehnten verlieren wir Biodiversität in erschreckendem Tempo. Der Report des Welt-Biodiversitätsrats IPBES von 2019 lieferte schlimme Fakten: Bis zu eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, viele davon bereits in den nächsten Jahrzehnten. Zudem beträgt die weltweite Waldfläche nur noch 68 % der Fläche im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter, 75 % der Landoberfläche und 66 % der Meeresfläche sind durch menschlichen Einfluss verändert und über 85 % der Feuchtgebiete sind in den letzten 300 Jahren verloren gegangen. Dieser Verlust findet nicht nur in den Hotspots der Biodiversität wie Brasilien statt, sondern auch in Europa und in Deutschland.
Die fünf Hauptursachen für den Verlust an Biodiversität sind
| • | geänderte Landnutzung und damit einhergehend die Degradierung oder Zerstörung von Ökosystemen, |
| • | die Übernutzung natürlicher Ressourcen, |
| • | die Verschmutzung von Boden, Wasser und Luft, |
| • | invasive nicht heimische Arten und |
| • | der Klimawandel. |
1.2 Risiken für und Abhängigkeit von Biodiversität
Alle Unternehmen sind direkt oder indirekt von der Biodiversität und ihren Ökosystemleistungen abhängig. In Branchen wie dem Lebensmittelsektor, der Holzwirtschaft oder dem Tourismus sind diese Abhängigkeiten ganz klar zu erkennen. Bei anderen Branchen geht es um indirekte Abhängigkeiten, die sich in den Lieferketten widerspiegeln.
Alle Unternehmen tragen auch zu den Hauptursachen für den Verlust der Biodiversität bei – die einen ganz massiv und direkt, die anderen indirekt über die Rohstoffe, die verarbeitet werden, die Lieferketten oder die Nutzung des finalen Produkts. Unternehmen aus Branchen, die biotische und speziell agrarische Rohstoffe nutzen, sehen sich immer häufiger mit knapper werdenden Rohstoffen konfrontiert, die auf unfruchtbare Böden, starke Einschränkungen bei der Bestäubung oder anhaltende Dürren und andere Wetterextreme zurückzuführen sind.
Beim Abbau abiotischer Rohstoffe zählen die Zerstörung von Ökosystemen und deren Degradierung durch Boden- und Wasserverschmutzung zu den häufigsten Risikofaktoren. Umweltschäden, für die ein Unternehmen haften muss, Skandale, in die es verwickelt wird oder gesetzliche Vorgaben, die nicht eingehalten werden – immer mehr Finanzinstitutionen berücksichtigen Risiken dieser Art im Zusammenhang mit der Natur in ihrem Ranking und bei der Vergabe von Krediten.
Stellungnahme EZB
In einer Stellungnahme von Frank Elderson, Vorstandsmitglied der EZB, aus dem Juni 2023 heißt es:
In einer Stellungnahme von Frank Elderson, Vorstandsmitglied der EZB, aus dem Juni 2023 heißt es:
| • | 72 % der Unternehmen und ¾ der Bankkredite in Europa sind dem Verlust der biologischen Vielfalt ausgesetzt, |
| • | 40 % der Banken haben ihr Risiko in Bezug auf naturbedingte Risiken noch nicht richtig eingeschätzt, |
| • | Versicherer sind den Naturrisiken indirekt durch ihre Kapitelanlagen und Verbindlichkeiten ausgesetzt. [2] |
Im Mai 2023 veröffentlichte PricewaterhouseCoopers einen Wegweiser für die Finanzbranche, wie sie in vier Schritten Aspekte der Biodiversität ganzheitlich in der Strategie, Governance, im Risikomanagement und im Reporting berücksichtigen kann.
Alle Empfehlungen basieren auf dem speziell auf Finanzunternehmen zugeschnittenen LEAP-FI-Prozess der globalen Initiative Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD).
